Voodoo: Die Verbindung afrikanischer Religionen mit dem Katholizismus


Voodoo: Die Verbindung afrikanischer Religionen mit dem Katholizismus
Voodoo: Die Verbindung afrikanischer Religionen mit dem Katholizismus
 
Afrikanische Sklaven aus Dahome brachten ihre polytheistischen Glaubensvorstellungen mit in ihre neue Heimat Hispaniola, eine der Westindischen Inseln. Der Westteil der Insel (Haiti) wurde 1697 französisch, und vor allem dort entstand jene Mischung aus afrikanischen Glaubensvorstellungen und Katholizismus, der Voodoo (französisch Vaudou, im Deutschen manchmal Vodu oder Wodu geschrieben). Afrikanische Götter verschmolzen mit katholischen Heiligen und die katholische Messe mit kultischen Tänzen, die zur Trance führen. Von der weißen Obrigkeit verfolgt, musste sich der Voodoo-Glaube der Negersklaven in den Untergrund zurückziehen und gewann so seinen geheimnisvollen Nimbus, zu dem auch die Berichte über Puppenrituale, Tieropfer und Zombies beitrugen. Viele Bezeichnungen aus dem Bereich des Voodoo-Glaubens stammen aus dem Französischen, so auch der Name des höchsten Voodoo-Gottes Bondye (Le Bon Dieu). Im Zuge der Französischen Revolution vertrieben die befreiten Sklaven ihre weißen Herren aus Haiti und gründeten einen eigenen Staat, in dem sich der Voodoo-Glaube nicht mehr verstecken musste. Von dort aus breitete sich Voodoo über die ganze Karibik aus, bis hin nach Brasilien, nach New Orleans in den USA und in die afrikanischen Ursprungsländer, vor allem nach Benin.
 
 Die Geschichte Haitis
 
Ab 1517 gelangten afrikanische Sklaven, hauptsächlich vom Stamme der Fon aus dem Reich Dahome (heute Benin) auf die spanische Insel Hispaniola (eine der Westindischen Inseln). Sie wurden dort zwar offiziell katholisch getauft, blieben jedoch ihrem alten polytheistischen Glauben treu und verschmolzen dessen Vorstellungen im Laufe der Zeit mit katholischen Glaubensinhalten. 1697 trat Spanien das westliche Drittel von Hispaniola (Haiti) an Frankreich ab. Haiti wurde im 18. Jahrhundert zur reichsten französischen Kolonie. Die weißen Kolonialherren, die Kirche und der Staat bekämpften den Voodoo-Kult als gefährlichen Aberglauben, und er verbreitete sich deswegen im Untergrund weiter. Das geheimnisvolle Erscheinungsbild dieses Glaubens stammt zum Großteil aus dieser Zeit des Versteckens. Die Französische Revolution führte auf Haiti zur Befreiung der Sklaven, die alsbald gegen die dünne weiße Oberschicht rebellierten und die Kontrolle über die Kolonie übernahmen. Die neuen Herren Haitis gehörten und gehören zwar offiziell der katholischen Religionsgemeinschaft an, doch spielt der Voodoo-Glaube die Hauptrolle. Von 1822 bis 1844 beherrschte Haiti auch den spanischen Teil von Hispaniola, bis sich die dort lebenden Kreolen erhoben und ihren eigenen Staat, die Dominikanische Republik, gründeten. Ab 1860 versank Haiti in Anarchie, wurde von 1915 bis 1947 von den USA kontrolliert und ab 1957 von dem schwarzen Diktator F. Duvalier regiert, der die bis dahin tonangebenden Mulatten von der Regierung ausschloss. Die Diktatur wurde nach der Übernahme der Macht durch Duvaliers Sohn, J.-C. Duvalier (1971—1986) im Jahre 1971 um keinen Deut besser.
 
 Grundzüge des Voodoo
 
Der Name Voodoo entstammt der Westafrikanischen Ewe-Sprache und bedeutet so viel wie »Schutzgeist«. Die Voodoo-Anhänger glauben an eine Vielzahl von göttlichen Wesen, die Loa, Orixa, Anges (französisch Engel) oder Saints (französisch Heilige) genannt werden. Diese Wesen aus der afrikanischen Vorstellungswelt sind auf synkretistische Weise mit katholischen Heiligen verschmolzen. Der oberste Gott des Voodoo-Pantheons ist Bondye (französisch le Bon Dieu, »der liebe Gott«). Weitere wichtige Götter sind Legba oder auch Papa Legba, der Herr der Kreuzwege und Vermittler zwischen den Menschen und den Göttern, Damballah, der Gott der Fruchtbarkeit, und seine Gattin Ayida-Weddo, die Herrin der Himmelsschlange (des Regenbogens), deren Kult auf einen Schlangenkult aus Benin zurückgeht.
 
Der Voodoo-Glaube ist aber kein geschlossener Kanon, die Glaubensvorstellungen variieren von Ort zu Ort und von Familie zu Familie. Ein wichtiger Bestandteil des Kultes sind ekstatische Gesänge und Tänze, die zum Kontakt mit den Geistern und dem eigenen Unterbewusstsein führen sollen. Die Tamboula (Voodoo-Trommel) sorgt bei diesen Tänzen für den eindringlichen, zur Trance führenden Rhythmus. Auch die Ahnenverehrung gehört zum Voodoo, genauso wie rituelle Tieropfer, der Glaube an Zombies (lebende oder wieder erweckte tote Menschen, die dem Willen eines anderen gehorchen), Voodoo-Gads (Talismane aus Federn, Tierzähnen, Steinchen, Kräutern und Ähnliches, die auf der Haut getragen werden) und Puppenrituale, die Ouangas (man nehme ein Haarbüschel einer missliebigen Person, knete dies in eine Wachspuppe ein und durchbohre sie mit Nadeln, die missliebige Person windet sich angeblich vor Schmerzen).
 
Die Voodoo-Gemeinden werden durch Priester geleitet (Houangas = Voodoo-Priester, Mambos = Voodoo-Priesterinnen), die die Voodoo-Traditionen mündlich weitergeben. Auf dem Land gehört zu jeder Großfamilie ein Tempel, der von einem älteren Mitglied der Großfamilie als Priester/Priesterin gehütet wird und in dem die Rituale für Geister und Ahnen praktiziert werden. In den Tempeln der Städte sammeln sich die Gläubigen als fiktive Familie um den Priester.
 
 Die verschiedenen Voodoo-Kulte
 
Manche Publikationen sprechen von zwei, andere von drei Grundtypen des Voodoo. Der Arada (Aradakult) wird angeblich nach einer Stadt namens Arada in Afrika so genannt und ist die weiße Spielart des Voodoo (englisch: White Voodoo), die niemandem Schaden zufügt. Das Gegenteil ist der Petro, die schwarze Variante des Voodoo (englisch: Red Voodoo), die analog zur schwarzen Magie des europäischen Mittelalters durchaus schaden kann, wie die Voodoo-Anhänger glauben. Sie wurde angeblich am Ende des 18. Jahrhunderts von einem Schwarzen namens Pedro gegründet, der seine Anhänger mithilfe von Alkohol und Schießpulver in Trance zu versetzen verstand. Weniger bekannt als diese beiden Spielarten des Voodoo ist der Lembakult, der im Norden Haitis praktiziert wird und der auf Gottheiten aus dem Kongo zurückgeht.
 
 Voodoo heute
 
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts fanden die Voodoo-Riten über Haiti hinaus Verbreitung, zuerst in der benachbarten Dominikanischen Republik, später aber auch in anderen Teilen der Karibik, in Brasilien, in den USA (besonders in New Orleans) und letztendlich auch in den afrikanischen Ursprungsländern Benin, Togo und Nigeria. In Benin ist der Voodoo-Glaube seit 1995 offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt und dem Christentum und dem Islam gleichgestellt. Weltweit gibt es derzeit schätzungsweise 50 Millionen Voodoo-Anhänger, und auch in Deutschland scheint der Kult im Rahmen des verbreiteten Interesses an esoterisch-magischen Inhalten vertreten zu sein, da allerhand Voodoo-Utensilien (Voodoo-Puppen, -Nadeln, -Öle, -Pülverchen, -Pergament, -Tinte, Donnersteine etc.) im deutschsprachigen Internet zum Kauf angeboten werden.
 
 
John G. Melton und Isotta Poggi: Magic, witchcraft, and paganism in America. A bibliography. New York 21992.
 Henning Christoph und Hans Oberländer: Voodoo. Geheime Macht in Afrika. Köln 1995.
 Angelina Pollak-Eltz: Trommel und Trance. Die afroamerikanischen Religionen. Freiburg im Breisgau 1995.
 Alfred Métraux: Voodoo in Haiti. Aus dem Französischen. Gifkendorf 21996.
 Karola Elwert-Kretschmaer: Religion und Angst. Soziologie der Voodoo-Kulte. Frankfurt am Main 1997.
 Pietro Bandini: Voodoo. Von Hexen, Zombies und schwarzer Magie. München 1999.

Universal-Lexikon. 2012.

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